Geschichte

Kleine Geschichte

Die Abendsonne steht über den Kronen der Bäume am Horizont. Ein leichter Wind weht und spielt mit den Haaren der Menschen, die auf Wildnis, Weite und das Gefühl von Freiheit der Prärien nicht vorbereitet waren:

Zwei ungewöhnlich anmutende Rinderbullen, einer falben farbig, einer fast schwarz erscheinen auf einem Hügel und brüllen sich prahlerisch an. Die Vorderhufe scharren im Sand der Steppe und schlagen gegen die muskulösen Bäuche. Drohgebärden, wie auch das Schnauben und Senken der hornbewährten Schädel. Dann beginnen sie zunächst spielerisch, dann immer ernsthafter zu kämpfen. Es geht um nichts Geringeres, als die Vorherrschaft über das Revier und die Herde. Ihre langen, spitzen Hörner verkeilen sich ineinander und die Beobachter können sehen, wie sie ihre Augen verdrehen, sich wütend anstarren und mit ihren Waffen fechten wie Schwertkämpfer des Mittelalters.

Unter den kurzhaarigen Fellen spielen Tausende von Muskeln. Zunächst scheint der schwarze Rivale die Oberhand zu gewinnen, denn er drängt den Falben einige Meter vom Hügelscheitelpunkt weg Richtung Tal; doch plötzlich wendete sich das Kampfesglück. Fast spielerisch erobert der Falbe das verloren geglaubte Gebiet zurück. Als der schwarze Bulle resignierend ablässt, treibt der Falbe ihn noch einige Meter vor sich her.

Die Herde nimmt von diesem Schauspiel scheinbar kaum Notiz. Nur ab und zu schaut eine Kuh vom Weiden auf um den eindrucksvollen Sieg des Falben zu würdigen…“Blondie ist von uns als Leitbulle ausgewählt worden, “…erklärt ein Mann in grüner Arbeitskluft der Gruppe der Betrachter. „Der Falben Bulle hat als fünf Monate altes Kalb seine gesamte Mutterherde durchgedeckt. Als der neue Leitbulle „Mahatma“ auf die Koppel kam, hatte dieser monatelang nichts zu tun. Dass Blondie daraufhin eine eigene Herde bekommen würde, war dann schon Gesetz und auch, dass wir ihn vor Mahatmas Zorn schützen mussten war klar, denn auch Rinder sind sehr nachtragend und vergessen nicht so schnell.“ Inzwischen zog die Herde weiter.

Fast kein Tier gleicht in der Färbung dem Anderen. „Bei Zwerg Zebus sind eigentlich alle Farbschläge erlaubt, das macht die Rasse zusätzlich sehr interessant. Typisch ist ihr Buckel, der ihnen den Namen verleiht und sich über den Schulterblättern als Nackenmuskel wölbt. Außerdem ziert die Tiere eine Fellwamme am Hals. Das Zwerg Zebu ist ein Wildrind und stammt aus den Steppen Asiens. Es ist eng verwandt mit dem Auerochsen. Die Herde ist ständig in Bewegung, zieht von Futterplatz zu Futterplatz und hält sich nur sehr selten länger an einem Ort auf. „Die Tiere finden hier auf dem Trockenrasen genau das Nahrungsangebot, dass sie auch in Ihrer Heimat vorfinden. Dadurch entsteht das gesündeste Rindfleisch, das man in Deutschland überhaupt bekommt. Absolut fett- und cholesterinarm.

Wir wildern die Herden mit Absicht aus. Eine möglichst artgerechte Haltung soll die hohe Fleischqualität sichern. Große weitläufige Koppeln mit überschaubarer Herdengröße sind dabei die wichtigste Grundlage. Dann wird das Fleisch so, wie wir es versprechen. Wildartig, dunkel mit leicht nussigem Geschmack und wunderbar zart. Eine absolute Delikatesse und für Rindfleischliebhaber oft eine ganz neue Erfahrung.“ Bullen sind bei dieser Art der Haltung erst nach drei Jahren ausgewachsen. In herkömmlichen Mastbetrieben sind die Bullen oft nach 18 Lebensmonaten ausgewachsen und werden der Weiterverarbeitung zugeführt. Die Zebus aus Zossen bekommen kein Kraftfutter.

Heu aus der eigenen Produktion des 120 Hektar umfassenden Betriebes, überwiegend von Waldwiesen, und Stroh sind Winterfutter. „Dadurch können wir einen geschlossenen Kreislauf garantieren und unser Versprechen einer absolut ökologischen Haltung auch einhalten. Zwerg Zebus verhalten sich wie Wildtiere“…sagt der Führer der Gruppe. Trächtige Kühe legen auf so großen Koppeln ihre Kälber in Verstecken ab und so bekommt man die Kleinen erst zu sehen, wenn sie fürs Einfangen schon viel zu mobil sind. Im Winter führt dieses Verhalten zu dramatischeren Folgen, denn die Kälber, die vielleicht 10 kg wiegen, kühlen bei feuchtem, kaltem Wetter schnell aus. „Oft verlieren wir die Kälber, die zwischen Dezember und März geboren werden. Man könnte dieses Problem dadurch lösen, dass man die Bullen nur zeitlich begrenzt in den Herden stehen lässt. Doch dies wären zusätzliche Eingriffe in die Herden, die ihren wilden Charakter beeinflussen könnten.

Die Zossener Prärie ist durchzogen mit kleinen Pfaden. Das sind Wechsel, die die Tiere auf Ihren Wegen durch ihr Revier anlegen. Sie haben das Wilde eben im Blut und so erkennen die Jäger in der Gruppe die Verhaltensähnlichkeiten zu Reh- und Rotwild, denn auch diese Tiere nutzen fortwährend die gleichen Pfade, die man dann „Wildwechsel“ nennt.

Als sich zwei Kühe der Herde einer späten Amerikanischen Traubenkirsche zuwenden und nicht nur Blätter, sondern Rinde und junge Äste fressen, ist auch der Biologe der Gruppe begeistert. Die Darmflora der Zebus ist so gestaltet, dass sie auch sehr grobfasriges Futter verdauen können. Zusätzlich ist ihr Verdauungsapparat im Vergleich zu heimischen Rinderrassen viel länger. Deshalb kommen sie mit diesem sehr kargen und groben Futter auf der Fläche gut klar. Selbstredend sind solche Flächen wie die Zossener Heide sehr nährstoffarm. „Hier müssen wir zur ausgewogenen Ernährung sehr gute Mineralstoffmischungen zuführen“,… sagt der Führer der Gruppe. Über die Fläche sprintet ein Feldhase. Eine halbe Stunde später sehen die Besucher ein Fasanenpäarchen aus einem Graben auftauchen und in der nächsten Bodendelle verschwinden.

Die Tierfauna ist seit Beginn der Beweidung um ein Vielfaches bunter geworden und durch den Beweidungsdruck sind erhabene Pflanzen wie das Reitgras komplett zurückgedrängt worden. Bodenbrüter wie der Fasan oder kleinere Säugetiere wie der vom Aussterben bedrohte Feldhase lieben die freie Sicht, um ihre Feinde frühzeitig zu erkennen. Falken und Habichte nutzen die absichtlich höheren Koppelpfähle als Sitz-und Spähwarte. Sie finden ihre Beute, vor allem Feldmäuse viel besser auf dem beweideten Teil. Zauneidechsen tummeln sich auf den sandigen Plätzen der Zossener Prärie. Durch den Kot der Tiere hat sich auch das Nahrungsangebot für Singvögel erheblich verbessert, da zahlreiche Insektenarten zusätzlich auf die Fläche „umgezogen“ sind.

Und so hören die fachkundigen Besucher viele verschiedene Singvogelarten heraus, die sich in den Baumgruppen auf und am Rand der Koppel in sogenannten Singwarten aufhalten. Als es langsam kühler wird kommen die frechen Insekten zu ihrem Auftritt. Bremsen, Stechfliegen und Mücken belästigen nun die Gruppe der Fachleute. Über der Herde sieht man eine kleine bewegliche Wolke der Plagegeister fliegen. Zebuhäute sind erheblich dicker als die Häute ihrer Europäischen Artgenossen. „Sie sind eben immer noch für ein Leben in der Wildnis gewappnet. Wir haben auch kaum Probleme mit den vielen Endo- und Ektoparasiten. So müssen wir eine Parasitenbehandlung nur selektiv bei betroffenen Tieren durchführen. Somit ist das Fleisch der Tiere nicht mit Medikamenten belastet. Als sich die Gruppe trennt, sind sich alle einig, dass sich dieses Naturschutzprojekt wie kaum ein Zweites bewährt hat.